¬ exterior / interior – messe / event ¬ produkt ¬ grafik

Umnutzung Industriegebäude
als Veranstaltungsort

Gesamtkonzeption
in Zusammenarbeit mit
KunstRäume Leipzig e.V.
und Oper Leipzig

Veranstaltungen:
13.-16. Oktober 2005

Gäste: 1200 Personen

Projekt realisiert

-------------------

Die Videos sind für Breitbandverbindungen optimiert. Zum Abspielen benötigen Sie das Quicktime Plugin

Dauer: 6,5 und 6 Minuten

messe - Macht des Klangs/Klang der Macht

eine Tanz-Sound-Licht-Performance im ehemaligen Sowjetischen Pavillon auf der Alten Messe, Halle 12, Leipzig

Thematisch ist das Projekt über das mehrdeutige Wort "Messe" vermittelt: 1. als Gottesdienst; 2. als Musikwerk und 3. als spezifische Handels- und Ausstellungstätigkeit. Die quasi-kirchliche Architektur des Sowjetischen Pavillons spiegelt die Ambivalenz und Gebrochenheit dieser drei völlig unterschiedlichen Bereiche: Religion, Kunst und Ökonomie als einmaliges Ensemble wider. Das historische Denkmal verweist nicht nur auf die Geschichte der säkularen Handelsmesse, sondern auch auf die zwiespältige Rolle der UdSSR für die DDR.


Die Akteure

Choreographie: Montserrat León, Oper Leipzig
Sound: Robin Rimbaud alias Scanner, London
Video: Axel Töpfer, HGB Leipzig
Kostüme: Lyuba Yanowsky
Gesamtkonzept: KunstRäume Leipzig e.V.


Die Resonanz / Presse

• Leipziger Volkszeitung, 13.10.2005

Aus der Tiefe des Traumes

"Die sowjetischen Borsten und das Rosshaar sind die besten der Welt und dienen zur Erzeugung von Bürsten, Pinseln, Fischernetzen, Einlagen für Kleidung und anderer Erzeugnisse". Die Zeiten sind vorbei. Das Werbepapier verstaubt in einem verwahrlosten Nebengelass des ehemaligen Sowjetischen Pavillons, Alte Messe, Halle 12.

Hier feiert heute Abend das sechste und größte Projekt des KunstRäume Leipzig e.V. Premiere: "Messe. Macht des Klangs/Klang der Macht", eine Performance mit 30 Tänzern des Leipziger Balletts, Sounds des Londoners Scanner, Videos von Axel Töpfer, Kostümen von Lyuba Yanowsky. Unter Hammer und Sichel, den Insignien des untergegangenen Imperiums, beruft sich diese "Messe" auf Gottesdienst, musikalische Gattung und ökonomische Bedeutung.

Am Anfang war der Raum. Das 192 Meter lange, 19 Meter breite, 20 Meter hohe Mittelschiff des 1924 vollendeten Pavillons wird zum Zeittunnel. Wo Max Schmeling boxte und Sechstagerennen gefahren wurden, wo bis 1989 die Errungenschaften der sozialistischen Produktion hochstapelten, übersommern inzwischen die Buden des Leipziger Weihnachtsmarktes. Draußen strafft der Wind die Fahnen eines Discounters und zaust die Birke, die sich an der Ostfassade behauptet.

Neben "Mega Messe Store" und Deutscher Bundesbank wird auf dem Alten Messegelände wieder am Tafelsilber gerieben. Im Finale der reichlich einstündigen Performance begraben Waren-Regale jede leichtfertig harmoniesüchtige Vorstellungswelt. "Diese Bilder wird man nicht mehr vergessen", verspricht Gunnar Volkmann von den KunstRäumen. "Man verlässt die Halle mit einer veränderten Sicht auf einige Dinge. Mindestens." Voraus geht ein als (Alb-)Traum konzipierter Trip aus der Vergangenheit ins Gleich. Die immer näher rückende Leinwand scheint getrieben vom gewaltigen Sound und der kraftvollen Choreografie Montserrat Leons.

"Wer Macht hat, übt auch Gewalt aus", sagt Solist Christoph Böhm. Er tanzt die Rolle mit "viel Interpretationsspielraum". Gewalt heißt nicht, "dass eine Frau an den Haaren über die Bühne geschleift wird". Doch es "überwiegen maskuline Bewegungen". Partnerin Ekaterina Tumanova ist sein Medium, die Seele der Gesellschaft, die in urmütterlichen Gesten das Volk in Hoffnung wiegt. Nicht in Sicherheit.

Die Compagnie probt rund um die Uhr. "Wenn ich mitmache, dann, um mich voll reinzuknien", sagt Böhm, "ich komme nicht her, um zu frieren". Trotzdem kocht Gabor Zsitva Tee. Mit dem Förderverein des Balletts hilft der 62-jährige Ex-Tänzer außerdem beim Aufbau der Traversen für etwa 700 Zuschauer und sammelt Spenden. Denn auch das gehört zum Konzept des KunstRäume e.V.: Freunde und Partner mobilisieren für das gleichberechtigte Zusammenspiel künstlerischer Ausdrucksweisen und Positionen, für exklusive Reisen in die Tiefe des (T)raumes.

Janina Fleischer


zum Seitenanfang


• Leipziger Volkszeitung, Freitag, 14. Oktober 2005

Macht der Bewegung

Zwölf Säulenpaare und eine geschwungene Decke definieren den Raum. Eine Kathedrale des Handels. Darin tanzt die personifizierte Macht. Ganz weit weg eine Leinwand. Filmschnipsel. Vögel. Ritueller Tanz oder stilisierte Fließbandarbeit? 30 Frauen und Männer, die vor wenigen Tagen im Opernhaus noch in plüschigen Kostümen auf Spitze tanzten, zelebrieren jetzt geerdetes Tanztheater in Post-Weltuntergangskleidung.

"Messe - Macht des Klangs/Klang der Macht" nennt sich dieser Abend des Kunsträume e.V. im ehemaligen sowjetischen Pavillon auf dem Alten Messegelände. Ein Abend, der Grenzen schafft und Grenzen zerbricht zwischen Idee und Ideologie, zwischen Ritual und Religion.

Wie sich in der Klanginstallation von Robin Rimbaud alias Scanner Geräusch, Melodie und Rhythmus überlagern, schieben sich in der Choreographie von Montserrat León tänzerische Formen übereinander. Isolierte Bewegungssilben werden von einem starren Marsch abgelöst. Wer marschiert? Soldaten? Die Arbeiterklasse? Die Nadel eines Messinstruments zittert im unbarmherzigen Rhythmus des Klangs. Die Menschen auf der Tanzfläche keine Individuen. Nein, eine Masse mit perfekt koordinierten Bewegungen. Ein unscharfes Bild auf der näher rückenden Leinwand. Nahaufnahme eines 60er Jahre-Linoleumfußbodens oder ein Seerosenteich? Ave Verum. Und plötzlich ein Gefühl von Nähe zwischen zwei einsamen Tänzern (Christoph Böhm / Ekaterina Tumanova). Eine Ahnung von Melodie blitzt aus dem Hall. Dann Höhenflüge Rakete/Stabhochsprung (Video: Axel Töpfer). Requiem.

Der sowjetische Pavillon - ein toter Raum? Ein lebendiger Raum! Ein Kunstraum. Klang, Bild und Tanz sind längst zu einer Einheit verschmolzen. Der Rock aus Glittertüll (Kostüme: Lyuba Yanowsky) steht für die Sehnsucht nach Schönheit in einer unschönen Zeit. Bei den Zuschauern auf der vollen Tribüne fangen die Assoziationareale des Gehirns an zu glühen. Ein Pferd versinkt im Schlamm, ersteht wieder auf. Letzte Zuckungen einer überflüssig gewordenen Kavallerie in einem technisierten, einem kalten Krieg? Oder erstickende Leidenschaft? Pulsierendes Dröhnen aus den Boxen.

Die Musik steht unter Strom. Boxen. Ringen mit dem Gegner. Mit sich. Eine unerträglich weiße Wand. Zwei spanisch aufgeplusterte Röcke. Lange Zöpfe. Erste vorsichtige Anzeichen von Fraulichkeit an diesem Abend. Das Bild dahinter: Ödnis. Ein Blick über die unerträglich weiße Wand. Geräusche wie Hecheln oder das heisere Rufen von Krähen. Die Wand gibt nach, zeigt Abdrücke von Körperteilen, Gesichter, Fratzen. Ausbruchsversuche. Russische Sätze im Hintergrund. Poesie? Auf der großen Leinwand im Hintergrund: eine Straße. In die Freiheit? Plötzlich ist das Leben bunt, plakativ. Ein neuer Gott: Produkt! Und die Menschen? Kämpfen weiter. "Requiem" ist nicht das letzte Wort dieser Messe, sondern "Libera me". Frei wie ein Vogel. Ein bisschen Zuversicht. Kurze Stille. Tumultartiger Applaus.

Tobias Wolff


zum Seitenanfang

Vita Presse Login www @ (c)